Caro Niederer: Das Leben ist ein Fotoalbum

by Susanna Koeberle
Neue Zürcher Zeitung
21 January 2018
Deutsch

Kunst machen kommt für Caro Niederer einer Art von Aneignung der Welt gleich.

Wieso macht heute eigentlich fast niemand mehr Familienalben? Es ist doch etwas Wunderbares, beim Blättern darin verblassende Erinnerungsbilder neu aufleben zu lassen. Ihnen wieder Konturen zu verleihen, die weisse Leinwand des Gedächtnisses wieder mit Farbe zu füllen. Das Wort Album kommt aus dem Lateinischen und steht für Weiss (albus). Wir beginnen unser Leben mit einer weissen Fläche, füllen sie mit Bildern und verlieren diese nach und nach wieder – von der Leere zur Fülle und zurück zur Leere. So schliesst sich der Kreis.

Sowohl das Konzept des Albums – man könnte es auch Archiv nennen – als auch das Zirkuläre ist der Arbeit von Caro Niederer nicht fremd. Im Gegenteil: Diese zwei Elemente bilden den Kern des vielschichtigen Œuvre der Zürcher Künstlerin. Kein Zufall also, betitelt sie den zweiten Teil ihres grossen Ausstellungsprojekts im Kunstmuseum St. Gallen mit «Album» – auch ein zur Ausstellung erscheinendes Buch mit Fotografien aus ihrem Instagram-Account trägt diesen Titel.

«Good Life Ceramics», wie das übergeordnete Motto der Schau heisst, ist eine Ausstellung, die sich während einer Dauer von elf Monaten mehrmals verändert. Das Verhältnis zwischen Teil und Ganzem, zwischen Fremdem und Eigenem zu reflektieren, bildet einer rhetorischen Figur ähnlich die Grundstruktur von Caro Niederers künstlerischem Vokabular.

Abbilder von Abbildern

Das Ausstellungsprojekt in St. Gallen kann auch als Metapher für ihr ganzes Werk gelesen werden. Und zwar auf verschiedenen Ebenen. Das Eigene und das Fremde vermengen sich darin zu einem neuen Dritten, zu einem kuratierten Album eben. Die Besucher der Schau können an der prozesshaften Entstehung dieses Albums teilhaben, das ermöglichen die verschiedenen Events während der Ausstellung. Es gehe ihr beim Kunstmachen in erster Linie um das Schaffen eines sozialen Raums, erklärt Caro Niederer im Gespräch.

Das Verweben von Alltag und Kunst, von Öffentlichem und Privatem, das uns Caro Niederer in dieser Ausstellung vorführt, gehört zu ihrer festen künstlerischen Praxis. Vor vielen Jahren schon hat sie auf ihren Reisen und auch im Alltag zu fotografieren begonnen, so wie das jeder von uns in den Ferien oder zu Hause tut. Dabei haben die Sujets dieser Fotografien fast etwas Beliebiges: Porträts von Familienmitgliedern und Freunden, Landschaftsaufnahmen, solche von Bauten und Räumen vermischen sich zu einem Panoptikum an Eindrücken – alles wird gleichwertig behandelt. Es entsteht eine Art Archiv archetypischer Situationen, die jedem Touristen oder Hobbyfotografen vertraut sind.

«Diese stetige Suche, das fortdauernde 
Umformulieren 
und Ausprobieren 
ist fast ein spiritueller 
Prozess».

Zugleich ist Caro Niederers Blick auf die Umgebung immer ein persönlicher, es geht nie um das Schaffen von schönen Bildern, sondern um das Festhalten von Momenten. Niederer sammelt aber nicht nur eigene Bilder, sondern auch fremde. Aus ihren Reisen im In- und Ausland brachte sie jeweils Postkarten mit nach Hause; auch hier geht es in einem ersten Schritt um das Ansammeln einer Palette von Daten und Informationen, eigentlich um eine Form von Aneignung der Welt.

Diese Fülle von Bildern aus unterschiedlichen Quellen wiederum wird zur Basis für die künstlerische Produktion. Zuerst geschieht allerdings ein Aussortieren, eine Reduktion der Fülle auf einzelne, wertvolle Augenblicke.

So gesehen müsste man die ausgesuchten Fotografien und Karten bereits als Teil des Kunstwerks bezeichnen, als Skizzen sozusagen. Es entstehen in ihrem Atelier sowohl kleine wie auch grossformatige Ölbilder – Abbilder von Abbildern, ein Transfer von einem Medium ins andere.

Diesen Akt der Wiederholung und der Rekontextualisierung führt Caro Niederer in einer sozusagen spiralförmigen Bewegung unentwegt weiter. Etwa wenn sie aus diesen Bildern wiederum Teppiche herstellen lässt. Hier bestimmt dann die Wahl des Formats das neue Werk. Es ist, als ob die Künstlerin dadurch ihrem Bild einen neuen Rahmen, eine neue Stofflichkeit und damit auch ein neues Leben geben würde.

Das tut sie auch, wenn sie in einer weiteren Verarbeitung, der Spur ihrer Werke folgend, Interieurs von Besitzern ihrer Arbeiten – von Freunden, Kollegen, Sammlern – fotografiert. Dieser Schritt wiederum kann als Reflexion ihrer eigenen Arbeit als Künstlerin gedeutet werden, als Herstellung neuer Zusammenhänge innerhalb ihres künstlerischen Systems.
In einem solchen Prozess der Wiederverwertung geht es ihr immer wieder um die Frage nach der eigenen Tätigkeit als Künstlerin. Wer bin ich? Was mache ich? Und was mache ich nicht? Was ist wichtig? Und wie entsteht das Wertvolle? Derlei Fragen stellt sich Niederer immer wieder. Ihre Arbeit ist ein wiederholtes Kreisen um ein unsichtbares Zentrum. «Diese stetige Suche, das fortdauernde Umformulieren und Ausprobieren ist fast ein spiritueller Prozess», erklärt die Künstlerin in ihrem Atelier, wo sie uns ein Modell der St. Galler Ausstellung zeigt.

Künstler-Freundschaften

Das Konzipieren dieses aussergewöhnlichen Projekts war äusserst aufwendig. Bespielt wird das Untergeschoss des Museums, welches früher das Naturmuseum beherbergte: keine einfachen Räumlichkeiten. Als Reaktion darauf beschloss Niederer, ein kleines Universum zu kreieren mit einem selbstentworfenen Café, das Teil der Ausstellung ist und als erstes Kapitel der Schau bereits im Oktober eröffnet wurde. Sie schafft damit auch einen Ort der Begegnung und des Verweilens, in welchem sie Einblick in ihre Lebenswelt gibt und diese mit den Besuchern teilt.

Im Café werden etwa Kräuter aus dem selbst projektierten Garten hinter dem Museum als Tee serviert. Das Geschirr ist ebenfalls von Niederer und stammt aus einem älteren Projekt, das sie einmal mit einem Keramikerkollektiv gemacht hatte und das nun der Ausstellung auch den Titel gab. Die Vorhänge sind mit Motiven aus zweien ihrer Bilder bedruckt. Ausgestattet ist das Café mit ausgesuchten Möbeln und Objekten: Zum Teil sind es Eigenentwürfe, zum Teil auch andere Stücke wie etwa die wunderschönen Glasleuchten von Carmen Humbel, die eigens für die Ausstellung angefertigt wurden.

Diese Leuchten führten auch zu einer Freundschaft zwischen der Künstlerin und der Architektin Carmen Humbel. Überhaupt war es Niederer ein Anliegen, ihr nahe stehende Menschen in die St. Galler Ausstellung zu involvieren: Künstlerinnen und Künstler, die sie auf ihrem Werdegang begleiteten und deren Werke sie besitzt, oder aber eine jüngere Künstlergeneration, wie sie ihr Sohn in seiner Basler Galerie «Weiss Falk» vertritt. Auch aus dem Fundus des Museums suchte Niederer ein paar Werke aus, die sie ansprachen, wie zum Beispiel zwei Bilder der St. Galler Malerin Martha Cunz.

In einem separaten Raum zeigt Niederer ein Video aus dem Jahr 2004, das ein Gespräch zwischen ihr und verschiedenen Freundinnen wiedergibt. Darin diskutieren die Protagonistinnen über ihre Arbeit, über ihren Alltag oder einfach über Dinge, die sie gerade beschäftigen. In mehreren Etappen (der dritte Teil mit dem Titel «World of Interiors» wird im Januar eröffnet) sollen neue Werkzyklen hinzukommen, vieles soll bewusst offenbleiben, eben ein Work in Progress sein mit unbestimmtem Ausgang. Dazu gehört auch die Frage, ob Caro Niederer für die Ausstellung neue Bilder malen wird.

«Mir erscheint gerade vernetztes Denken 
und Handeln als 
eine eher feminine 
Herangehensweise.»

Ein Schwerpunkt der gegenwärtigen Ausstellung ist eine Serie von roten, grossformatigen Ölbildern, die Caro Niederer im Jahr 2015 beendete. Auch für diesen neueren Zyklus dienten Bilder aus ihrem privaten Archiv als Vorlagen. Teilweise sind die Motive zu erkennen: eine Vase mit einem Blumenstrauss, ein Tennisplatz, eine Landschaft. Bei anderen Beispielen kippt das Dargestellte ins Unscharfe, Abstrakte, wird zur reinen vibrierenden Farbfläche.

In der dritten Ausstellungsphase wird die Künstlerin eine Serie von älteren, sepiafarbenen Bildern sowie Seidenteppiche und Interieurfotos zeigen – die Übersicht über ihr Gesamtwerk geschieht quasi rückwärts. Alle Elemente der Schau sind wie ein grosser Organismus, vergleichbar einem Pilz, dessen unterirdische Verästelungen ein unsichtbares Riesengeflecht bilden.

«Ich wollte in dieser Übersichtsschau etwas ausprobieren. Mir erscheint gerade vernetztes Denken und Handeln als eine eher feminine Herangehensweise, die hier Raum erhalten sollte», antwortet sie auf die Frage nach der Inspiration für diese Ausstellung.

Malerei und Konzeptkunst

Das Spannende an Caro Niederers Arbeit ist das Zusammenkommen ganz unterschiedlicher künstlerischer Strategien. Zum einen ist ein wichtiger Aspekt ihres Œuvres sicher die klassische Malerei, zum anderen müsste man sie zugleich als konzeptuelle Künstlerin bezeichnen. Die Unabhängigkeit von Idee und Ausführung, die Formen der Aneignung und Reflexion sowie die permanente Infragestellung der eigenen künstlerischen Strategie sowie der Kunst als Medium der Kommunikation als solches sind künstlerische Praktiken, die man aus der Konzeptkunst kennt.

Das Erfrischende ist aber die Unmittelbarkeit und das Unprätentiöse, mit dem Caro Niederer an die Kunst herangeht. Nie ist ihre Haltung wertend, nie stellt sie sich über etwas, ihre Arbeitsweise kennt kein Low und High. Man könnte von einer gewissen Neutralität oder bewusst gesuchten Banalität sprechen, von einer Attitüde der Bescheidenheit und von einer Zurücknahme der künstlerischen Person.

Es sind vielleicht diese Charakteristiken, die Caro Niederers Kunst so zugänglich machen – so zugänglich, als ob wir beim Betrachten ihrer Werke in unser eigenes Familienalbum blicken würden. Wenn wir keine Alben mehr machen, dann übernimmt Caro Niederer das für uns.

Instagram-Posts

Etwas an dieser Doppelseite wird Digital Natives oder Junggebliebenen bekannt vorkommen. Richtig! Das Format der dargestellten Bilder. Eine Ansammlung quadratischer Fotografien zeichnet auch die Profilseite eines Instagram-Accounts aus. Das digitale Tagebuch erfreut sich nicht nur bei jungen Usern grosser Beliebtheit, sondern gerade auch bei Künstlern. Caro Niederer ist eine davon. Die Bildersammlung widerspiegelt nicht nur den Alltag der Künstlerin, sondern ist als Praxis zugleich ein wiederkehrendes Element in ihrem Werk. Sammeln allein ist es allerdings nicht, was dieses auszeichnet. Stets geht diese Tätigkeit mit einem weiteren Verarbeitungsschritt einher, bei welchem sie – wie in vorliegendem Fall – einen Transfer von einem Medium ins andere vornimmt.

Genau dies tut sie auch in ihrer neusten Publikation «Album». Ohne auch nur einen einzigen wegzulassen, zeigt das Buch alle Instagram-Posts der Künstlerin, die sie in den letzten drei Jahren ins Netz gestellt hat. Das Digitale wird zum Materiellen. Auf den Bildern sehen wir ihr Zuhause, ihre Familie, Freunde, Reisen, ihre Kunst, fremde Kunst, Menschen, Orte, Bücher – Banales und Besonderes. Und immer wieder ihren Küchentisch mit Blumen – der auf dieser Zeitungsseite quasi zur Chiffre wird, zur Quintessenz einer weiblichen Künstlerinnenkarriere: Arbeiten vom Küchentisch aus. So unverblümt wird dies uns hier präsentiert. Das hat etwas Nüchternes und gleichzeitig Berührendes.
Ist Caro Niederer eine Exhibitionistin? Nein, denn das Offenlegen des Privaten geht mit einem Schweigen darüber einher, mit einer Geste des Weglassens. Die Summe der Teile ist keineswegs das Ganze, vielmehr geschieht bei ihr eine eigenartige Verschiebung, in der die Unmöglichkeit vorgeführt wird, das Leben als solches abzubilden, sein Geheimnis sowie die Einzigartigkeit jedes einzelnen Lebens einzufangen. Gerade die mediale Zurschaustellung der eigenen Vita verrät nichts darüber, sie kann nie Ersatz sein für das «Eigentliche» – das es wiederum auch nicht gibt. Niederer verwebt Realität und Fiktion, Privates und Öffentliches zu einem Korpus, der Betrachter an einer fremden Welt teilhaben lässt – die zugleich auch ihre eigene sein könnte.

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Cover Image: Caro Niederer: 8 Seiten aus «Album». Hacienda Books, Zürich, 2017.